von Roswitha Siewert

Wende-TrabiWer kennt ihn nicht? Trotzdem noch einmal, diesmal von hier aus: Der Trabant, ist von 1964 bis 1990 in der DDR produziert worden. Seine Geburtsstadt war Zwickau. Sein Kosename ist Trabi, auch Trabbi. Aus dem KULTFAHRZEUG der DDR wurde ein SYMBOL DER WIEDERVEREINIGUNG DEUTSCHLANDS, dies vorwiegend von 1989 bis 1990. Grenzenlos erschien damals sein Beliebtheitsgrad. Heute ist er noch Sammlerobjekt im Spielzeugformat bis zum benutzten Liebhaber-Auto. Man trifft ihn auch in Wende - bzw. DDR Museen von Berlin bis Hollywood. Dort steht er neben Sandmännchen, Bohnenkaffeeverpackung „kosta kaffee" und den übrigen kommunikativen Vertrautheiten des DDR Designs. Ist es nur „Ostalgie", die sich an die Karawanen der Trabis erinnert, an die knatternden Zweitaktmotore, an die dralle plastische Karosserie in soften Farben, oft mit einer rauchenden Abgasfahne, stinkend umnebelt: „Hier ist was los!" signalisierend, so dass er entsprechende Flüche einstecken musste? Tausende Witze produzierten die Verbraucher des Zwergs unter den Autoriesen, ob nun dafür oder dagegen. Eine kleine, aber vielbeachtete Persönlichkeit des Alltags war er immer. Kann ein „Sonntagsgruß von Haus zu Haus" auf einer Postkarte, die als „Bild" einen Trabi darstellt, einen Gedenktag, wie den Fall der Mauer vom 9. November 1989, neu sichten und aktivieren? Ist es nur Nostalgie von beiden Seiten, die dem humorvollen Kleinwüchsigen diese verbindende Power gibt? Fragen wir mal nach.

Am 16. November 1989 zeichnet INGRID M. SCHMECK von ihrem Fenster aus einen Trabi vor ihrem Haus. Das ist nun 25 Jahre her, auch der Fall der Mauer liegt solange zurück, eine neue Generation ist am Wirken, das Verhältnis von erinnern, vergessen, gedenken, überhaupt denken, bedenken, feiern, sich freuen geht neue Beziehungen ein. Eine kleine Zeichnung im Postkartenformat, 11 cm hoch und 15 cm breit, entsteht in historischer Situation und nach 25 Jahren macht sie Geschichte mit, ist Geschichte und verbindet das Geschehen in Lübeck St. Jürgen mit der ganzen Welt. Das Regionale nimmt den Schwung des Globalen auf und wirft es der Welt als Sonntagsgruß von Haus zu Haus zurück. - Die Postkarte hat einen Text: Es ist ein historischer, in Klammern (kein hysterischer), Sonntagsgruß von Haus zu Haus. Die Tatsache oder Geschichte, die beschrieben wird, ist, dass eine Frau aus dem Trabi ausstieg und Ingrid Schmeck dachte: „ jetzt kriegen wir Besuch aus dem Osten, aber nein!" Der zweite Teil des Postkartentextes berichtet, was man so an diesem besonderen Tag unternehmen konnte: "Haben bisher rote Herzen verschenkt viel gestaunt, viel gedacht, viel geredet -- und gearbeitet." Zum Schluß nach einer Trennlinie „ das wärs- bis bald : wir 3". Der Text ist mit einem fetten weichen Bleistift geschrieben, nur das Wort „historischer" und die „3" in Rot, dazu ist der Sonntagsgruß von Haus zu Haus mit einem roten Farbstift unterstrichen.

Nun zur Zeichnung: Wir blicken von oben herab, aus dem Fenster des ersten Stockwerks auf das Auto. Es parkt offensichtlich am Straßenrand neben dem Bürgersteig. Es ist eindeutig ein Trabant 601: die kompakte, gemütliche Kleinform, aus Verdeck, ausbuchtender vorderen Motorhülle und dem kantigen Kofferraum, die Längstseite des zweitürigen Wagens zeigt sich in seiner ganzen imposanten Breitseite, die zum Ende hin spitz und schmal aufflügelt, das rote Rücklicht ist dort mit Farbstift markiert. Wie weit diese Flügel doch mehr Heckflossen ähneln, müßten Biologen bzw. Aquakundler klären. Die Karosserie ist trotz der flächigen Kantigkeit rund und knackig. Schon von außen weist auch in der Zeichnung die Raumaufteilung auf Großzügigkeit in der Enge des Innenraums. Die Autofarbe zeigt ein helles Beige-gelb und ist aquarelliert. Die Umrisse sind wiederum mit dem grauen Farbstift in Form sicherem Strich gezeichnet. Die Autoklinke ist für den Handgriff, zum Öffnen, bereit. Die Reifen sind prall, dunkelgrau bis schwarz und ruhen auf dem Straßenpflaster. Durch die Scheiben wird das Innere mit beiden Vordersitzen und einer hinteren Sitzbank sichtbar; leicht hellgrau und etwas rot aquarelliert und mit klaren Lineaturen proportioniert. Eine überzeugende Persönlichkeit von Auto, das sich auf dem kleinen Postkartenblatt plastisch darstellt, die ganze Fläche einnimmt und als künstlerischer Trabi auf sympathische Weise die Augen verführt.

Der Kleinwagen PKW TRABANT 601: Fahren kann er auch, nur nicht als Zeichnung, sondern als Gebrauchsgegenstand PKW- Kleinwagen, als tatsächlicher Trabi. Spannend und fast zum philosophischem Nachdenken geeignet : die erscheinende Karosserie ist aus einer Kunststoffhülle. Sie besteht aus Phenolharz und Baumwolle. Sie kann nicht rosten, dafür gab es Rycycling-Probleme. Ohne jetzt den Bau des Wagens ganz nachzuvollziehen ist aber zu bemerken, dass wie bei einer Plastik, hier nun die Trabi-Auto-Form, sich als selbsttragende Fahrgestell aus Stahlblech, darüber dann die äußere „Beplankung" aus dem mit Baumwolle verstärktem Phenoplast bildet. Es gibt in Zwickau ein Trabi-Denkmal, mehrere Filme haben ihn zum Inhalt wie z.B. „Go Trabi go". Geliebt und gehasst, verachtet und nicht vergessen, heißt es immer wieder, denn in diesem Jahr 2014 sind auch 50 Jahre Trabant 601 zu feiern.

KUNST UND AUTO ist ein Thema der Kunst. Warhol, Penck, Lichtenstein, Calder, Koons und viele andere haben sich speziell in Kunst am Auto versucht. Sie haben die Karosserien bemalt und BMWs z.B. in rollende Kunstwerke verwandelt. Allen gemein ist eine geradezu religiöse Begeisterung und lustvolle Annäherung an das Auto. Bekannt auch die erotische Geneigtheit an den schnittigen Sportwagen, an die hochpolierten Einzelteile von Chrom und aufpoliertem Blech in überdeutlicher Sexualisierung. So das allgemeine Bild vom Auto und auch in der Kunst vom Auto.
Eine Wende dagegen der friedliche, gemütliche Trabi: kein Rausch der Geschwindigkeit, dagegen etwas altmodisch und nett. Im Internet überwiegt das Angebot der Einzelteile des Trabis, das wie ein überlebensgroßer Kosmos noch von ihm auf dem Monitor aufblitzt. Ab und zu ist zu lesen, dass ein aufgeputzter Trabi mit großer Geschenkschleife rings ums kleine Auto zum Geburtstag für einen Liebhaber vor der Tür steht. Der WENDE - TRABI von Ingrid M. Schmeck, 1989 gezeichnet, hat all diesen farbigen Aufputz und die Kleinteiligkeit nicht nötig. Er kommt mit seiner kompakten ausgewogenen Form in die Bildfläche und verbindet das geschichtliche Geschehen von damals mit dem Heute auf selbstverständliche Weise: unser Wegbegleiter, unser Gefährte. Er wird zur magischen Mitte und menschlichen Verbindung zweier Gesellschaftssyteme, über alle geografischen, staatlichen, nationalen, religiösen, soziokulturellen Grenzen hinweg zu einer Einheit.
Was für ein Auto!

siehe Aufsatz in Lübeckischen Blätter 2014/19 S.321

Veröffentlicht: "Der Wagen - Lübecker Beiträge zur Kultur und Gesellschaft" 2014


Der Mensch in sommerliche Szenen gesetzt. Ein charmantes Lübecker Kunstphänomen: Zeitmomente aus Figuren und Porträts von heute im Werk von Ingrid M. Schmeck.