Wenn man die Treppe zum ersten Obergeschoss im Seitenflügel emporsteigt, kommt man am Konferenzraum vorbei. Wir gehen hinein.

Konferenzraum mit Paneelmalerei

Der Besprechungs- oder Konferenzraum wird durch einen fast den ganzen Raum einnehmenden Tisch geprägt, um den die hochlehnigen Stühle stehen. Darüber scheint die Stuckdecke zu schweben. Der Tisch ist mit Stahlgerüsten verankert, hat eine langgezogene Trapezform, die dem Grundriss des Raumes angeglichen ist. Die Wirtschaftsprüfer treffen sich nicht zur Tafelrunde, son­dern im langgestreckten Vis ä Vis zum Verhandeln. Sitzt man auf den ganz mit rotem Leder bezogenen - besser ummantelten - Stühlen, dann konzen­triert sich das Gespräch. Nur die mit Leuchten bestrahlte weiße Stuckdecke könnte ablenken. Putten blicken aus angemalten Augen, die einzige Farbe an der Decke. Um sie herum üppige Blatt- und Blumenornamentik. Die Stuckdecke in diesem Raum ist klarer, klassischer gegliedert als in der Biblio­thek darunter. Zwei freie Deckenfelder werden von dem vertrauten Dekor umrahmt, das zum Teil auch im unteren Flügel verwendet wurde. Überra­schend sind zwei fast vollplastische Adler zu entdecken, das Wappentier Lübecks.

Betritt der Besucher, der Mandant, der Mitarbeiter, diesen Raum vom Trep­penaufgang aus, dann fällt der Blick auf eine Reihung von farbigen Bildern, wo ansonsten im Haus Holzpaneel in graugrüner Bemalung anzutreffen ist. Sie erzählen Geschichten in antikisch, mythologischer Verkleidung, aber heiter und kommunikativ sind sie Identifikationsbonbons für den Kaufmann als Bildungsbürger. Da wird begrüßt wie auf einer christlichen Verkündigungstafel, Abschied genommen, zur See gefahren, wieder am Gestade angekommen; Schiffe und Seeungeheuer tauchen auf. Es wird gekämpft und gesiegt, geflötet und gezupft. Biblische Szenarien verbinden sich oder wechseln sich ab mit der bildnerischen Aktivierung der antiken Götter- und Heldensagen auf Aktualität hin. Moralische Hinweise ganz eigener Art sind an den vier Wänden abzulesen. Ovid ist nicht nur ein Schatzhaus der Moral, mit diesen Bildern in der Alfstraße besitzt er auch ein Haus in Lübeck. Es ist eine Lust, die Bilder genauer zu betrachten. Sie locken den Besucher. Ein schmaler Gang zwischen Wand und Stuhllehnen erlaubt einen Rundgang. Ein geneig­ter Einblick in die Vielfalt der Bildgeschichten, der 24 bis heute restaurierten Paneelbilder, ist möglich. Unterstützt wird die Bildbetrachtung durch Zen, vier Stehfluter, die in raffinierter Weise - in sekundär Reflektion - nicht nur die Stuckdecke und den Arbeitstisch beleuchten, sondern auch das Licht nach unten auf die Bilder werfen. Das Paneel in sattroter Farbe und graugrünen Abschlussleisten übernimmt die Rahmenfunktion der ca. 53 x 58 cm großen Paneeltafeln. Die Bilder selbst haben noch einen kleinen Goldrand um sich herum. Sie sind unter einem einfarbigen Anstrich freigelegt worden. Unter dem Paneel befindet sich eine weitere Wandmalerei. Die Reihenfolge der einzelnen Bilder konnte bisher nicht festgestellt werden. Auf der rechten Wandseite sind 10 Bildtafeln hintereinander angeordnet. Zwei über Eck neben der Tür zum anschließenden Büro. Ein einzelnes Bild neben der Tür - links - bildet den Auftakt für die Bildreihung unter den Fenstern zur Hofseite: Auf wolkenumhangenen Felsen ein sonnenumstrahlter Apoll mit Köcher; oder ist es der verwandelte Zeus? Die andere Bildhälfte, ein Mädchen in lässig geknotetem Tuch, die linke Hand in fragender Geste, umrahmt von arkadischer Landschaft, Flussgegend und ferner Stadt am Horizont. Vor dem Mädchen eine Distel als Symbol der Sünde. Oder ist es Kallisto, die nach vielen Affären mit Göttern und Göttinnen zum Preis ihrer Unzucht, aber auch Rettung, als glänzender Stern in den Himmel versetzt wurde?