Als eine Form der Ästhetik ist die weibliche Ästhetik vor allem zum Kuriosum und Negativum abgestempelt worden. Die Debatte um sie hat sich verlagert, sie ist keine betont soziologische, biologische oder matriarchatshistorische mehr. Wenn es sich um Künstlerinnen handelt, die sich mit Bildern im wörtlichen und erweiterten Sinn auseinandersetzen, steht die Frage nach der produktiven Kreativität, dem künstlerischen Handeln im Mittelpunkt. Der Ort ist zum Galerie-Raum geworden, der aber nicht mit den gewohnten Hängungsmethoden von Wand und Leiste auskommt, sondern einen Galerie-Raum meint, wo Raum, Wand oder Bild nicht mehr zu erkennen geben, wo sie anfangen und aufhören. Die tatsächlichen und imaginären Räume gehen Zwischenräumen entgegen. Wunschlandschaften als schwingende Sehnsuchts- und Glaubensweisen werden um so realer, je phantastischer sie sind. Bilder können Wände öffnen.

Ausgangspunkt ist eine Primärerfahrung von Kunst. Damit aber auch eine Erweiterung von Kunst auf Leben, auf den totalen neuen Daseinsentwurf hin: Zeugnisse einer kontemplativen Tätigkeit vermitteln sich als Ganzheitserlebnis, Kunst wird als Lebensqualität praktiziert, existentielle Urbilder werden in freie Malerei umgesetzt, Naturformen lassen sich in Kunstzustände einfügen und behalten dabei die Eigenständigkeit von Kunst, emotionale Betroffenheit wird in eine Ästhetik der Teilhabe umgewandelt, das Gefühl des Gerührtseins wird durch eine distanzierte, auf das Elementare reduzierte Kunst hervorgerufen, die Kommunikationskraft des weiblichen Körpers wird nicht als Sündenfall der Vernunft verdammt, sondern als Utopie gefeiert. Kunst denkt in neuen Bildern nach. Sie projeziert Bewußtsein nach außen, macht es öffentlich. Die Kraft der Bilder, die mit dynamischem Optimismus ausgestattet sind, reißen mit. Vitale Phantasien entgrenzen zu kosmischen Welten und machen frei. Die Feststellung steht im Raum, daß das Zarte stark sein kann.

Faßbar wird ein Ausdruck von Kunst als Formen weiblicher Erfahrungen. Es gibt auch andere Erfahrungswelten. Künstlerinnen und auch Künstler haben den längst überfälligen Weg begangen, Weiblichkeit zu zerlegen, durchzukreuzen, zu dekonstruieren (n. C. Owens). Wenige unter ihnen haben ein neues positives Bild einer revidierten Weiblichkeit produziert. Dies würde den vertrauten Repräsentationsapparat verlängern. Darum heißt es auch: Nicht die Leiden übergehen. Wölfe sind immer noch keine Vegetarier geworden. Vorsicht ist geboten!-Aber auch das Überleben als Aufschrei: Nimm mein Leben! Ich hol es mir zurück! Hexenrituale werden zu zündenden Vitalitätszaubereien. Trauer, Schmerz und Tod als Erkenntnis- und Befreiungsmomente. Die gemilderte Position: Die Reproduktion der vorhandenen Bilder, die der Fremdbestimmung und des männlichen Blicks, damit der vom Mann »imaginierten Weiblichkeit« (Bovenschen), haben Anteil in der Bildproduktion der Künstlerinnen. Das von Werner Hofmann definierte und präzisierte Wort: »Das Bild der Frau ist das Bild des Mannes von der Frau «, hat bisher keinen Gegenentwurf in dem Sinn, daß die Frau bereits ein Bild von sich entwickelt hätte oder überhaupt schon kann. Ihre Geschichte muß sie noch in Bildern schreiben. Es gibt Ansätze, wie wir gesehen haben. Einige Künstlerinnen weigern sich auch und halten es für unmöglich, ein Frauenbild vom sexuellen Blick befreit darzustellen. Ihnen geht es nicht nur um die Aussage, sondern um die Verletzungen, die diese Bilder immer noch ausüben. Es sind die von außen projezierten Bilder, die im Inneren seit Jahrhunderten und mehr als Richtung bewahrt und begriffen sind. Objekt- und Opferhaltung zugleich kann im Subjektentwurf der Künstlerin offengelegt werden. Der Konflikt, etwas anderes zu denken und tun zu wollen, als sie denken und tun soll, stellt das aufgesetzte, bekannte Bild infrage. Sie versucht, die vorgebenen Muster zu verlassen. Sie stellt ein von ihr entwickeltes Inneres dem gegenüber. Die Verunsicherung führt zum Aufbruch. Unruhe setzt produktive Kreativität frei. Dies geschieht nicht nur im Denkprozeß, sondern wird in künstlerischen Umsetzungen thematisiert. Ein Weg ist es, die vorhandenen Muster - auch künstlerischen Techniken - durchzuspielen, um zu neuen Gestaltungen zu gelangen. Das Abenteuer der Malerei anzunehmen und in der Arbeit mit der Malerei neue Sinnzusammenhänge zu erschließen. Ästhetische Landvermessungen aufzunehmen, die Vielfalt der Gedanken mit der Vielfalt der künstlerischen Techniken aufzubrechen. Die Kontinuität der eingefahrenen Traditionen wird durch eigene Aufbrüche und selbständige Entwürfe aufgemuntert, umgelenkt und neu aufgeladen: Die positive Sicht von Kunst nicht verkümmern zu lassen bis hin zu gemalten Traumräumen, hin zur Stille und Freude.

Es geht auch nicht darum, den männlichen Zusammenhang, der mit dem Bild gegeben ist, zu zerstören. Die Frau ist als »imaginierte Weiblichkeit« auch Teil des Bildes. Wenn sie alles das ist, was der Mann sich nicht zugestehen darf und das Bild ein Zeichen dafür ist. Dafür: das heißt für die Differenz, die im Bild erscheint. Der Unterschied erhebt sich in symbolischen Ordnungen zwischen den Geschlechtern. Der gemeinsame Blick auf dieses Bild zeigt dann, daß das Männ­liche und das Weibliche keine stabilen Identitäten mehr ha­ben. Sie finden sich als Teil wieder und müssen sich als Gan­zes erst erfinden. Dieser offene Zwischenprozeß wird in farbi­gen Bildern für einen Moment festgehalten. Wenn Kunst nicht Realität ist, sondern die Möglichkeiten und damit die erwünschten und erträumten stillen Sensationen als Teil der Realität vorantreibt, dann beatmet sie tote Seelen und wie­derbelebt stehengebliebene Herzen. Empfindungen zum an­deren nicht nur pflegen, sondern ästhetisieren. Dort, wo je­der der andere und keiner er selbst ist, ist kein ausgedorrtes Niemandsland, sondern die Ortschaft für die künstlerische Stärke als Symbol für Menschwerdung.

Um sich heute ein Bild der produktiven Kreativität aus der Sicht der Künstlerinnen zu machen, bleibt die Pluralität, die Vielfältigkeit eines gepriesenen Polyorphismus, damit auch die Feststellung, daß Kunst unter dem gegenwärtigen Blickwinkel eine Sinn- und keine Rollenfrage ist. Dieser beflügelnde Aufruf steht nicht nur regional, sondern international an. Ihn anzunehmen heißt, als Künstlerin zu leben.