Das Buch „Raumdialoge - Kunst pro St. Petri" ist ein bibliophiles Konzentrat der Austellungsreihe „Kunst pro St. Petri", die seit Eröffnung der Petrikirche 1987 ablief. Die Präsentation umschließt die Zeitspanne von September 1987 bis August 1992. Diese Ausstellungsreihe ist beendet. Sie ist damit nicht weihevoll gestorben, sondern geht in eine andere Les-Art über. Diese ermöglicht es die einzelnen Phasen wieder abzurufen und zu vergegenwärtigen, neue Bezüge und Erinnerungen herzustellen, Erkenntnisse zu entdecken und zu vertiefen, Verpaßtes ein- und aufzuholen, im Durchblättern, an den Bildern sich zu freuen und sich zu bedienen. Das geschieht in einem anderen Kunstvermittlungsmedium: im Buch über Kunst. „Der Gebrauch eines Buches hängt eng mit der Lust zusammen, die es verschafft ... Ich bin ein Werkzeughändler, ein Rezeptaussteller, ein Richtungsanzeiger, ein Kartograph, ein Planzeichner, ein Waffenschmied ... (Michel Foucault) Die Lust setzt sich fort. In der Ausstellungsreihe treffen sich nun gleichzeitig in einem Band, experimentierfreudig in der Foucault'schen Vorgabe verlängert... ein Kreuzübermaler, 'une morte' mit Lebensbahnen als schwarze Todesfahnen, ein lieber Gott übers Fernsehen, eine Balancesucher, eine Logikerin der Zeichenmusik, ein Depressionist, ein heiterer Kreuzmaler, eine Rotseherin, eine Gewürzpredigerin, ein Ovalmaler ... es läßt sich so fortsetzen und trifft jeweils einen Aspekt der Ausstellungen.

Wer mit dieser Sichtweise nichts anfangen kann: ein anderes Angebot. Diese Aus­stellungsreihe versucht auf einen Kirchenraum mit Gegenwartskunst zu reagie­ren. Kein Galerieraum, wo auf Grund der neutralen Atmosphäre alles einfügbar wie in ein Gehäuse ist, sondern ein geprägter eigenständiger Raum, der über sein Fluidum magische Präsenzen ausströmt: Insgesamt finden 20 Ausstellungen statt, hinzu kommen noch andere Kunstaktivitäten. Das Buch sollte möglichst viele an­sprechen. Da aus unterschiedlichen Positionen mitgearbeitet wurde, sollten auch diese subjektiven Sichtweisen zum Tragen kommen. Individuelle Verbalisierun­gen und aktuelle Sprachmedien werden in ihrem Ton belassen. Reaktionen auf die Ausstellungen, ob nun Bildpredigt, kunsthistorischer Text, Gespräch, Zei­tungsartikel u. a. werden berücksichtigt.

Die Beiträge sind in der Dokumentation authentisch wiedergegeben, so daß die momentane Befindlichkeit im Raum, die Atmosphäre und auch Tages- und Zeit­probleme mitspielen. Die Quellensituation ist beibehalten. Es schien mir wichtig, Gespräche nicht auf einen einheitlichen Stil hinzufrisieren, sondern Offenheiten, unbewußt Angedachtes und spontan Formuliertes so zu lassen. Es kommt der Findungssituation von Kunst und Kirche als Zwischenphase entgegen, legt nicht bis in alle Ewigkeit fest, sondern fixiert nur den spannenden Augenblick. Durch das unkomplizierte Sprachkleid werden Bildleser zu Buchstabenlesern, sie sehen die Bilder neu. Sprachblüten können zu wunderbaren Sprachbildern werden, zwar für den Rotstift als verunglückt zu sehen, aber für die Sache erhellend.

Es passiert, daß ein trocken-kunsthistorischer Text zur anrührenden „Kunstpredigt" aufweicht. Stichworte zu Signalen werden. Auch das Sprechen in der St. Pe­tri-Akustik erforderte ein sensibles Zuhören des eigenen Sprechens. Der Ge­samteindruck der Eröffnungsveranstaltungen war unterschiedlich. Musik und Literatur wurden hinzugezogen, wenn sie die Ausstellungsthematik erhellten. Umfangreiches Informationsmaterial lag bereit. Täglich war die Bereitschaft für Gespräche da. Die Stimmungslagen gingen von gefühlvoll bis dingfest, von auf­begehrend bis lammfromm.

Diese einordnende Dokumentation ist komplex angelegt und zum Experimentie­ren in Gedanken gedacht. Vielfalt, statt aus einem Guß, ist die Devise. Das reich­liche und unterschiedliche Material mußte gesichtet und ausgewählt werden. Ein festes Layout liegt vor. Das geschah unter dem Gesichtspunkt, das Wesentliche der Ausstellungen in St. Petri an den Leser zu bringen und keine Langeweile auf­kommen zu lassen, auch für diejenigen nicht, die nicht dabei waren. Das vielfältige Begleitprogramm, ob aus dem Bereich der Musik, Literatur und Politik ist nur benannt, soweit es die Ausstellungen auch meinte und kein Fremd­körper war. Selbständige Veranstaltungen in St. Petri, die unter dem Aspekt einer multifunktionalen City-Kirche standen, die die Ausstellungen zum teilweisen Ab­bau, die Nischen zum Abbruch, zum störenden Dekor degradierten oder den Ge­samteindruck durch eingezogene Akkustiksegel zerstört wurde, sind nur am Ran­de einbezogen. In einem wiederhergestellten Kirchenraum ohne Gemeinde, auf der Suche nach einer neuen Nutzung ist die qualitätsvolle Überredung aus Kunst und Kirchenbau als Einheit von „Kunst pro St. Petri" in der vorliegenden Zu­sammenfassung vor allem aufgezeichnet. Der Wiederaufbau war unter der Fanfa­re „pro St. Petri" aktiviert worden. Sie wurde nun noch durch das Wort „Kunst" überhöht und beides, Kunst und 'pro St. Petri' für den Kirchenraum, in die Tat umgesetzt.

Das Buch ist grob in drei Teile gegliedert: einem Einführungsteil als Vorge­schichte, der Dokumentation und einer standortbestimmenden Rückbindung. Die Dokumentation ist chronologisch aufgebaut, so daß aktuelle Zeitströmungen die Ausstellungen beeinflußten. Der Fall der Berliner Mauer 1989 - euphorisch begrüßt - fand während der Ausstellung „einfach Rot" mit Arbeiten von Elsbeth Arlt statt. Der Tag der deutschen Einheit (3. Oktober 1990), der in die Ausstel­lungsphase „Kann Fruchtbarkeit auf Asche gründen" mit Arbeiten von Günther Uecker fiel, brachte Reaktionen, die sich formal und inhaltlich auf die unmittel­bare Präsens von bildlicher Kunst zu dieser Zeit und an diesem Ort bezogen. Si­grid Sigurdssons Bücherwand „Vor der Stille" aktualisierte Kunst als Bewußtsein von Geschichte: Besucher schrieben ihre Geschichte auf. Dieses Besucherbuch war nicht nur Kunstobjekt, sondern aktuelle Stellungnahme. Der Besucher als „des Volkes Stimme" hat im Besucherbuch „St. Petri" regen Anteil genommen, ihm ist Aufmerksamkeit gewidmet worden . Es erfüllte unter­schiedliche Aufgaben. Zunächst als Vorgabe bzw. Angebot gedacht bei Bedarf...