Estland

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Ein fröhliches Land voller Energien.

„Este bleiben und Europäer werden!“

Unter Beibehaltung ihrer Traditionen überzeugt ihre Kraft der Innovation.

Abb. Marko Laimre, E.U.Positive, 2001 aus dem Film „Wedding“

Vortrag mit Dias von Dr. Roswitha Siewert am 25. Januar 2005 in der Volkshochschule Lübeck

Zwei Künstlerpositionen aus Estland:

Kai Kaljo 1959 in Tallinn (Estland) geboren.

Ihr erstes Video von 1997 „ A loser“ 1.24 min. ist ein Erfolgsvideo: Es wurde  in mehr als fünfzig Ausstellungen und Kunstevents gezeigt. Zwei Fotos daraus, die in der Videobranche als Videostills bezeichnet werden. Sie hat ihre Bilder umgedreht, die auf Leisten aufgezogenen Leinwände zeigen die unbemalten Rückwände. Sie sind Kunstambiente, Bühnenbild,auch Negation ihrer Malerei für einen 12 zeiligen Monolog. Sie spricht ihn in estnisch. Wir können ihn in Englisch lesen: „Hallo, meine Name ist Kai Kaljo. Ich bin eine estnische Künstlerin. Ich wiege 92 Kilogramm. Ich bin 37 Jahre, aber leb noch bei meiner Mutter. Ich bin nicht verheiratet. Ich arbeite an der estnischen Kunstakademie als Lehrer für 90 Dollar im Monat. Ich meine, das Wichtigste im Künstlerleben, ist die Freiheit. Ich bin sehr glücklich.“ Als sie sich 1997 für die Ausstellung  „Funny versus Bizarr“ bewarb, konnte sie sich nichts Lustigeres und Bizarreres  als ihr eigenes Leben vorstellen und so kam es zu diesem fröhlichen Video. Sie sagt: “Wenn ich diese Arbeit zeige, bin ich oft mit einem der grundlegenden menschlichen Bedürfnisse konfrontiert, dem nämlich, sich überlegen fühlen zu wollen, jemanden sehen zu wollen, dem  es schlechter geht als einem selbst. Das Gefühl ist so stark, dass man sich nicht einmal fragt, ob man am Ende selbst dumm aus der Wäsche guckt…“ * Die Frage ist: Freiheit wofür und wozu?

Freiheit in der Kunst wird im Augenblick durch einen andere Künstler thematisiert: Christo nämlich, der seine „Golden Gates“ in New York aufbaut. Er ist gebürtig aus Bulgarien und weiß, was es heißt unfrei in der Kunst zu sein, in allen aktuellen Interviews, ist die Freiheit in der Kunst sein Thema.

Heute Estland: Kai Kaljo. – Zwei weitere Arbeiten sind „Pathetique“1999 und im gleichen Jahr „Loveletter to Myself“. Vor der Hinwendung zu Videoarbeiten, hatte sie klassische Musik und Malerei studiert in Labors und am Theater gearbeitet. Es entstanden Glasmalereien, Wandgemälde, Installationen und illustrierte Bücher. Sie lässt, nach der Wende, all die Erfahrungen in die Videoarbeit einfließen. Links: Sie spielt die Beethoven Sonate „Pathetik“ auf dem Klavier- bei Kerzenlicht und mit Notenblatt, die Musik lockt den Ausstellungsbesucher, die Szene ist auf großer Leinwand projeziert. Sie erzählt: kalter Wintertag, ein Mann liegt auf dem Boden . „Ich wusste nicht was ich tun sollte, denn wegen eines Betrunkenen würde die Polizei nicht kommen“. Bis ihr klar wurde, dass sie schon angefangen hatte , ihn zu filmen. Das stehende Foto aus dem Film zeigt diesen Augenblick.“ Es geschieht nicht oft, dass wir unserer dunklen Seite auf solche Weise begegnen…Wir finden Entschuldigungen für alles, was wir tun.“ * Kunst agiert in ihrem Bereich.

Dann: “Loveletter to Myself“ entstand in luxuriöser Einsamkeit – auch wen es wie ein Gefängnis wirkt mit viel Zeit und Raum. Es geht auf einen Begegnung zurück Wieder allein versucht sie mit der Kamera über Lichtspiegelungen und -inszenierungen z. B. mit Seifenblasen, die Anwesenheit eines abwesenden Menschen zu realisieren. * Kunst abstrahiert vom Menschen und materialisiert die Erinnerung an ihn.

Diesem frohen, einfach-vertrauten sich selbstgenießendem künstlerischem Tun von Kai Kaljo scheint der estnische Künstler Marko Laimre mit offenen Armen, im Brautkleid, von Mendelsohns Hochzeitsmarsch angetrieben über die von EU-Mitteln sanierten Landstraßen seiner Heimat entgegen zu schweben. Allerdings – so Laimre- ist die Braut durch ihr historisches Gedächtnis traumatisiert, in das sich die Angsterfahrungen vergangener gewaltsamer Vereinigungen bzw. Vergewaltigungen eingebrannt haben. Der Künstler vermutet eine genetische Krankheit und vermisst die Antikörper zur Milderung des Fiebers. Es fehlt die Zukunftsvision. Hinter dem schönen Schein lauert der Fieberwahn: E.U: Positive. Marko Laimre sagt: . . . Die arme Braut ist schön, aber überdreht, oder um es mit Dostojewski zu sagen: ein netter Kerl, nur etwas überdreht. Wir alle kennen diese Jacken mit den überlangen Ärmeln, die bei gewissen Subjekten erfolgreich eingesetzt werden, die zu viel mit den Händen fuchteln. Natürlich – eine Zwangsjacke. Aus einem bestimmten Blickwinkel kann dieses Händefuchteln jedoch als eine Art Sprechen, als eine Art Fortsetzung der Rede mit anderen Mitteln angesehen werden. Sind die Arme aber zu lang bzw. länger als die Ärmel, dann ist die Jacke unbrauchbar. In diesem Fall erinnert sie mich an das Hochzeitskleid. Im Grunde ist ja jede Vereinigung eine Art Hochzeitszeremonie, ein Ritual, das die Ideologie des Sexuellen institutionalisiert.- E.U.PoSITIV.
Zwei Künstlermeinungen, die eine eurokritisch aber die andere die neue Freiheit – mit kleinen Gewissensbissen – genießend.

Wie sehen nun die Menschen aus, die unter dem Begriffsmonster Ostblock lebten und wie werden sie von den Künstlern gezeigt, zwei haben wir kennen gelernt? Wie sieht eine estnische Künstlerin ihre Landsleute von heute? Die estnische Fotografin Eve Kask porträtierte die Bewohner der 72 Wohnungen eines Mietshauses in einer Plattenbausiedlung am Rande von Tallinn (Lasnamäe), die einmal für 160 000 Menschen geplant war. Sie besteht aus fünf-, neun-, sechzehnstöckigen Gebäuden und ist zwischen 1978 – 1989 erbaut worden. Der Titel „Kärberi 37“ (2004, 49 Fotografien auf PVC je 30 x 45cm).

In der Sowjetunion wurden Straßen oft nach Militärhelden oder Helden der Arbeit benannt. So auch damals im sowjetischem Estland. Kristjan Kärber ( geb. 19o8) war ein Verdienter Bauarbeiter, Held der sozialistischen Arbeit und Mitglied der Kommunistischen Partei… daher Kärberi als Titel. Es gab da Ein-, Zwei-, und Dreizimmerwohnungen und zwei Atelierwohnungen für Künstler, letzteres klingt ungewöhnlich. Aber: Die Sowjetunion widmete der Erschaffung und Kultivierung ihrer Vorstellung vom neuen Menschen neue ökonomische Praktiken. So wurden große Fabriken in Orten errichtet, in die sowohl Rohstoffe und auch Arbeiter transportiert werden mussten. Die hergestellten Produkte wiederum müssen kilometerweit transportiert  werden um konsumiert gekauft zu werden. Gewohnt, gelebt wurde entsprechend in Schlafstädten. Für diese Immigranten wurden Großwohnsiedlungen gebaut. Die einfache Leute vor Ort mußten auf Wohnungen warten. Dies faßte sich unter dem Begriff Sowjetisierung zusammen. Eva Kask lebte in diesem Haus 20 Jahre lang. Sie hatte keine Ahnung, wer in diesem Haus lebte. “Ich gewöhnte mich daran, außerhalb meiner Wohnung meine Sinne auszuschalten“. 2004 nach dieser Fotoarbeit stellt sie fest: „ Schaut man sich diese vielfältige Personengruppe, von Arbeitern bis Wissenschaftlern, an, die alle vom Schicksal in dieses kleine Territorium eines Hauses mit 72 Wohnungen in Lasnamäe zusammengewürfelt wurden, so wirkt sie wie ein winziges, merkwürdiges Gesellschaftsmodell.“

Estland ist das kleinste Land des „Baltikums“, es ist das „ obere“ der drei baltischen Staaten, darunter dann Lettland und Litauen. Estland hat 1,3 Mio Einwohner, die sich auf einer Fläche von 45.100 km ausbreiten können, d.h. es hat 46,5% der Einwohnerzahl Schleswig–Holsteins, aber ist ca. 3x größer als Schleswig-Holstein.

Tallin (Reval) ist die Hauptstadt Estlands. Weltkulturerbe mit einer großen Geschichte, auch Hansegeschichte: 1248 erhielt sie das lübsche Stadtrecht. Estland wurde dem europäischen Kulturkreis eng angegliedert.

Die abwechslungsreiche Geschichte zwischen dem Norden Finnland, Schweden und auch Dänemark, dann dem Russischen- eben auch Iwan dem Schrecklichen und Peter dem Großen ausgeliefert zu sein bzw. dem Sowjetischen und mit Deutschland sich politisch auseinander zu setzen, hat das Land geprägt. Heute haben die Esten einen Bevölkerungsanteil von 65 %, 28 % sind Russen, 7 % setzen sich aus anderen Völkern zusammen.

Estland entfaltete wie auch Lettland und Litauen vergessene religiöse, ethnische, soziale, kulturelle und sprachlich Vielfalt. Hinzu kommt, dass Estnisch zu den finnisch-ugrischen Sprachen gehört, daher waren die Esten durch das finnische Fernsehen besser als alle anderen Völker der Sowjetunion über den Westen informiert. Die Esten fanden ihre Identität vor allem über ihre Sprache. – Zwei Blicke auf Tallinn, hier ein Blick vom Turm der Nikolaikirche auf die Unterstadt mit der Heiliggeistkirche und den Hafen. Die Häuser sind nicht aus Backstein, sondern aus dem estnischen Kalkstein gebaut. Auf der anderen Seite umgekehrt der Blick auf die Nikolaikirche. In der Nikolaikirche der Hauptaltar mit der Darstellung der Enthauptung des heiligen Victor aus der Werkstatt von Hermen Rode Lübeck 1479-81, im Hintergrund die älteste erhaltene Darstellung der Stadtansicht von Lübeck. In der Nikolaikirche befindet sich auch das Fragment des Totentanz von Bernt Notke, das er 1466 nach dem Lübecker Gemälde geschaffen hat. (1942 Palmarum ist der originale Gesamt-Totentanz verbrannt), einen ausschnitthaften Eindruck des Originals vermittelt das Fragment.

„Wir gehen langsam und schrittweise, kommen aber sicher an“, sagte Marju Lauristin, Führerin der Volksfront des „estnischen Weges“.

Zwei aufgesockelte Symbole: auf einer Dorfstraße die Flaschenzug erhöhte Milchkanne Nr. 95 und eine der vielen Ordensburgen, hier Tompea/Domberg mit dem Fahnenturm „Langer Hermann“ 14. – 15. Jh. Land der Ordensritter und der bäuerlichen Strukturen. Ein Kuriosum, geschichtsträchtig: die zwei Dias müssen Sie sich als ein Panoramabild vorstellen: links die Hermannsburg in Nerva (13. – 14. Jh.) und Ivangorod, 1492. Getrennt durch den Fluß Nerva. Schöne Gegend, noch nicht von Rosamunde Pilcher entdeckt. Gewitterstimmung am Peipussee und Mündung eines Flusses (Mustvee) in den Peipussee. Impressionen der estnischen Landschaft.

Tartu(Dorpat) die estnische Universitätsstadt. Das Hauptgebäude der Universität demonstriert Pathos des Hochklassizimus (1803-09 von Krause gebaut). Die Unversität wurde 1632 durch Gustav II. Adolph gegründet, Neugründung durch Zar Alexander I 1802. Während der Napoleonischen Kriege, an den sich auch viele Est- und Livländer als Offiziere und Generäle beteiligten, kam durch Vermittlung Russlands die Paradearchitektur des französischen Empirestils ins Land.- Der Lesesaal im Dommuseum der Universität Tartue zeigt sich nicht nur in romantischer Verklärung. Die Gedanken der europäischen Geisteselite in Büchern gesammelt wurden diskutiert und durch eigene Ideen erweitert und nicht nur hinter Türen museal verschlossen.

Sehen wir genauer hin: dies mit dem Junggesellen auf einem Talliner Dachpostament. Der bebrillte Mann gehörte zur Schwarzhäuptergilde, die nur unverheiratete Kaufleute aufnahm. „Esten bleiben, Europäer werden“ ist seit 19o5, die Kurzformel für estnische Mentalität. Die Künstlergruppe „Noor –Eesti“ hatten auf ihren Banner geschrieben: “Bleiben wir Esten, aber werden wir zugleich Europäer!“ Das ist der Leitgedanke, der die estnische Kunst durch widerspruchsvolle Jahrzehnte hindurch geprägt hat. Die Geschichte der berufsmäßigen estnischen Nationalkunst kann nur etwa anderthalb Jahrhunderte zurückverfolgt werden. Also ist sie relativ jung. 1919 gab es eine Ausstellung mit 50 Künstlern. Sie verfolgte die europäische Kunstentwicklung, versuchte aber gleichzeitig eine nationale Eigenart herauszuarbeiten.

Heute ist Estland nicht mehr ein vergessenes Land irgendwo im Osten. Durch die singende Revolution im Sommer 1988 rückte es in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Am 20. August 1991 hat die Republik Estland ihre Selbstständigkeit wieder erlangt und fand International Interesse. Für Estland endete der II. Weltkrieg  erst 1991 mit der Auflösung der Sowjetunion. Ein Jahr später zu den 10. Europäischen Kulturtagen 1992 gab es eine umfassende Ausstellung über die aktuelle Kunst in Estland in Karlsruhe im Badischen Kunstverein. Harmlos, unbeachtet von der öffentlichkeit, aber mit akribisch wissenschaftlicher Gründlichkeit verliefen diese Kunst-aktivitäten und sind mit dem heutigen fanatistischen, aber halbherzigen Run –was die Kunst betrifft- europäische Kulturhauptstadt zu werden, nicht vergleichbar.

Estland ist ein Ausnahmeland im europäischen Kontext, auch im Kunst-Kontext: Sehen wir uns wiederum die Arbeiten der Künstler als Argumente an, um dies einzuordnen oder zu verstehen. Wie im Ungarn-Vortrag werde ich vorwiegend die Arbeiten der beiden Künstler-Generationen, die um 1940 geborenen, und die zwischen 1960 und 1970 geborenen, weil sie die entscheidenden Phasen bis zur Selbstbestimmung Estland und den Weg nach Europa aufzeigen:

Jüri Arrak – 1936 geboren in Talliin {Link zu WIKIPEDIA}

„Letzter Schnee“ 1988, Öl 97 x 146

„Mythologische Komposition“ 1999, Öl  97 x 145

Ein- und großäugig, aber Zielgerichtet schiffen fünf blaue Monstergestalten auf rosa-weißen Wolken oder See, das Boot kann ein Boot sein, aber auch Körper der links wie eine Gallionsfigur sitzenden weiblichen Gestalt sein. Die kleine Seejungfrau mal anders. Ein unheimliches Unwesen frontal. Die Urwesen scheinen sich aus Schatten und Nebeldunst vor schwarzen Hintergrund zu bilden.

Im letzten Schnee gliedern sich in Horizontalen die Farben weiß als Schnee, letzter Schnee, vielleicht auch Schnee von Gestern, dann schwarz eine entsetzte ängstliche, aufgeregte auch ratlos blickende Menschenmasse.“ Vorwärts Kinder das Meer zittert vor euch“ rief einst Vasco da Gama der Weltenumsegler seiner verzweifelten Mannschaft bei einem Orkan im Indischen Ozean zu. Zeiten und Ozeane haben sich verändert….Darüber dann ein blauer Himmel mit kleine Wolken. Wäre das Bild unscharf, und nur als Farbstreifen weiß- schwarz- blau empfindbar, dann hätten wir die estnische Fahne vor uns. Stichwort:“singende Revolution“_Bericht eines Zeitgenossen Lennart Meri: -Was das war, lässt sich beinahe nicht schildern. Es herrschte große Disziplin, gepaart mit der Stimmung einer zarten Brüderlichkeit. Abertausende von Menschen saßen da, hörten zu und sangen mit, und das ganze Feld war übersät mit den blau-schwarz- weißen estnischen Nationalflaggen. Das Fest zog sich weiter, und Abend für Abend strömten mehr und mehr Menschn herbei, die Menge wuchs Tag für Tag lawinenartig an, und das dauerte  wohl zwei Wochen.“ Jüri Arrak malte das Bild letzter Schnee 1988 im Jahr der singenden Revolution.

Jüri Arrak schafft unmögliche Wesen in  widersinnigen Situationen, hier aber trifft einen realen Punkt mkt seien künstlerischen Mitteln. Er wird mit Begeisterung unterschiedlich interpretiert. Er wird vorgestellt, dass in diesen eruptiven Ausbrüchen der Phantasie das Stammesgedächtnis des Nordländers neue Gesuchter erhält, dessen Vorfahren tagtäglich von Angesicht zu Angesicht den Geistern des Waldes, Moores und Meeres begegneten. Von „satanischer Wonne“ nach Baudelaire wird berichtet, auch einer Befreiung aus Zwangsituation gleich. Der Vielfalt seiner Geschichten aus düsterer Phantasie setzt er mit dem immerwiederkehrenden Typ mit den fliehenden Haaren eine Widererkennbarkeit und Ruhe entgegen. Sie sind betont anonym und austauschbar und können in unterschiedliche Aktionen und Situationen eingesetzt werden. Für uns vielleicht eher Grotesk märchenhaft unheimlich, aber auch menschliche Urwesen, die einen Jurassic-Park  oder ihr Eden füllen könnten.

Auch biblische Themen wie Adam und Eva 1990 und das Goldene Kalb aus dem gleichen Jahr zeigen in Serigraphien seine Handschrift. Die Schlange hat in der Bibel einen Ort in der Vertreibung aus dem Paradies. Adam und Eva verschreckt und zusammengekauert im Vordergrund. Hier nun gleich zwei Schlangen. In Estland wird  mit der im 6.Jt. v. u. Z. in Bein geschnitzten Abbildung einer Kreuzotter, das Dekor, die volkstümliche Kultur oder der Beginn von Kunstaktivitäten datiert. Die Kreuzotter trägt Eingravierungen, die das Schlangenhautmuster nachahmt. Nicht nur die Vorzeit der Kreuze der Ottern auch die Kreuze und das Quadrat von Malewitsch, 1914 als abstrakte Ikone gefeiert, haben die estnischen Künstler beeinflußt wie wir sehen werden.

Ganz andere Tiere nun bei:

Ilmar Kruusamae geb. 1957 in Tartu

  • „ Fischtag „ 1986, öl,140 x 170
  • „ Chamäleon“ 1987, öl,140 x 195

Sein Markenzeichen sind einen Reihe von großformatigen karikierend überzeichneten Tierbilderen. Da gibt es Drachen und Grashüpfer wie auch Fische die Landen und Chamäleons. Sie werden als Abwehrmechanismen des Künstlers interpretiert, nicht selbst in das politische Gewirr verwickelt zu werden. Bilder , die ein Jahr vor der singenden Revolution (1988) entstanden sind.

Ein Riesenwal, gleich einem gestrandeten U- Boot lädt über Leiter und Zunge zum Mundmahl ein, ein rotglühendes Menschen-Auge hält Ausschau, die Augen des Tieres blicken dumpf und schwarz. In der linken Ecke ergreift ein winzigkleines weibliches Wesen mit wehenden Weißhaar die Flucht. Die kleine Seejungfrau hier auf der Flucht! Ein glühendes Inferno treibt ihn an Land, der Anker baumelt wie ein Ohrgehänge an der Seite. Das Chamäleon als Allesfresser, was ihm unter die Füsse kommt. Er packt einen Metallgegenstand und balanciert darauf.

Ilmar Kruusamae Arbeiten werden in Estland als nicht in der Tradition stehend gesehen, dafür sind sie in Ausstellungen im Ausland oft anzutreffen und beliebt. Er gilt als Störenfried. Seine Bilder werden als kritische Anspielungen auf die gesellschaftlichen Zustände und Prozesse gesehen. Seine Protesthaltung  bestückt er mit Versatzstücken aus der Mythologie und mit Symbolen der Macht um Hohlheit und Dumpfheit.

Er betätigt sich auch in der Mail-art. Im Jahr verschickt er an die dreihundert Briefe und hat dadurch internationale Kontakte aufgebaut. Er gilt auch als Vertreter eines Hyperrealismus wie es in den frühen 80er Jahren in Estland gepflegt wurde.

Wie stellt er nun Menschen dar? – Mann und Frau in Beziehung:
„Contact“ eine Arbeit, ein erfolgreiches und beliebtes Bild von 1980. Nicht nur Hyperreal, sondern zwischen Schmachten und Verschmelzen: das Thema Kuß in der Kunst: links Kruusamaes Auslegung: Beide Identitäten oder Individualitäten weiblich / männlich. Sie: hellhäutig, blond, lockig, ganz anbietende Hingabe aus Hals und Gesichtshälfte. ER: von oben dunkelhaarig etwas gebräunte Wange, aber- groß- gleich einer Pranke abgelegt, liegt die linke Hand um ihren Hals. Anonym aber doch zwei verschiedenen Wesen. Kleiner Exkurs : Bei Munchs Kuß von 1897  löschen sich die Identitäten zu einer aus. Die Gesichter zerfließen ineinander zu einem einzigen amorphen Gebilde. Ein sich aufgeben. Nicht so bei Kruusamae: die beiden Persönlichkeiten gehen nicht verloren und auch die Physiognomien erlöschen nicht.

Das Thema Kuß wird uns noch häufiger begegnen. Das nächste mal: Polen. Tamara Lempicka wird ein Beispiel zum Thema liefern.

Valeri Vinogradov geboren 1952

  • Italian Album, Roman Porträt III Papier, verschiedene Techniken, 1999
  • Italian Album, Caryatid. 1996

Zurück nach Estland, Valerie Vinogradov. Er steht für die Pop und erotic art in Estland. Dieses Kunstthema war während der Sowjetzeit verboten. Verbotenes hat immer seinen Reiz. Eigentlich ein abstrakter Maler, verbindet er seine mediterranen Eindrücke mit Antike und attraktiven Frauen im Hollywoodformat wie Pin ups für die Innenwand des Kleiderschranks.

Bleiben wir beim Thema:

Eve Kask- Karmaa geboren 1958 in Tallinn

  • „Hauch der Nacht“ von 1988 ( farbiger Linolschnitt)

Feuer in der Nacht: blauschwarz der Hintergrund. Hund / Wolf und die weibliche Figur in schwarz. Haare erogene Zonen: knallrot.“ Die handelnden Personen in Eve Kask- Karmmaas Bildern sprechen mit ihren Haltungen und Posen über „ Rituale, über das Opfern im Namen der urzuständlichen und allermächtigsten Leidenschaften.“ Sie sind das überall Anwesende der lustvollen Begierden. Ihre Welt ist mythologisch offen. Doch lauert über ihren Bildszenen eine geheime Bedrohlichkeit. Trotz der technischen Raffinesse ist der Aufbau und die Farbwahl einfach. Das Leuchten in Rot aus dem Schwarz heraus aber spricht andere Regionen an. “Und zuletzt bleibt die Frage: ist der mit dem metaphysischen Licht gefüllte Raum nur das großartige Spielfeld des Unterbewusstseins von Eve Kask, die Stelle, wo man der Phantasie und deren unschuldigen Kindern das Spielen erlaubt, oder ist es wirklich eine allumfassende Konzeption, die die Lösung in der mythologischen Weltanschauung sein kann ?“Sirje Helme

Auf der anderen Seite eine Arbeit von Tönis Vint, der uns noch beschäftigen wird. Hier seine „Feuerkeulen 2“ von 1989.In „Feuerkeulen“ ist eine weibliche Figur höchst erotisch aufgetan, die Beine zur Bewegungslosigkeit bandagiert, Flügelumrahmung, bizarr behütet- in weiß. Attakiert wird sie, für uns nicht einsehbar von roten Zeichen, Nadel (Feuerkeulen) wie in einer zweiten Ebene hinter ihrem Körper.

Linka Laurentsius & A. D. (Lauri Sillak geboren 1969 und Anna-Daniela Saliste geboren 1975)

  • “Rose XXII” Öl auf Leinwand and mixed media 1999

Der Rahmen, filigran in Röschen und Stoffraffungen silbrigglänzend, die  Erinnerungsbilder aus Stoff und Myrthe von Silberhochzeiten unserer Großeltern heraufbeschwörend ; wirkt er wie ein Objektkasten. Das Rosenbild, in Öl gemalt, erscheint als Fenster, ganz klein steht „Rose“ zu lesen, dann ein gestaffelter Normalrahmen im Rechteck. Ein Einhorn oben, ein Stern unten, umrahmt von Rosen, symmetrisch von zusammengerafften Stofffältungen  umgeben. Popart und Kitsch in Symbiose und doch ein Spiel der Materialien zwischen Leben und Tod.

Rechts eine gemalte Fassung einer gelebten Beziehung. Ein Selbstporträt mit erzählerischen Begierden in rosa Farbtönen mit unheimlichen Vogeltieren.

Mare Mikoff (geboren 1941)

  • „Conic no 1“ 70 x 30 x 30, bemalte Bronze

Hille Palm (geboren 1941)

  • „Moon  rabbit“ Bronze/granite 70 x 30 x 15

Zwei Bildhauerinnen, die klassische Formen mit ironischen Lyrismen aufpeppten. Das Figurative wurde auf Ring – Kopf und der Körper auf Kegelform mit goldener Gewandung reduziert. Theatralisch zeitlos und nicht leicht mit einem Finger von einem Ort zum anderen Ort zu transportieren erscheint Mare Mikoff Bronze. Hille Palms Mondkaninchen erinnert an matriarchale Göttinen oder Grabfunde aus Vorzeiten, der Körper in handschmeichlerische Darbietung wehrt  in der doppel – spitzhackigen ausgeformten Bekrönung ab und hält auf Distanz. Eine Arbeit voller Gegensätze und nicht ohne feinen Humor bzw. Ironie auf die alten Kultfiguren hin.

Surreal geht es  bei Juri Palm zu:

  • ein gemalter Briefkasten von 1995, Reiselust, das Meer rauscht im Koffer.

Surreal mit pop nach Andy Warhols „All ist pretty“- Blümchen design in all-over Malerei, selbst der Sockel trägt Blüten, im Relief die Formen eines weiblichen Körpers als Torso. Der estnische Kritiker Harry Liivrand jetzt Museumsdirektor in Tallien kommentiert diese kleine mit Acryl bemalte Bronze (Höhe 81 cm , 1996) mit der Aufforderung: „Make love, not war.“ Die Arbeit ist von Hannes Starkopf. 1996 entstanden. Bronze mit Acryl bemalt.

Anders im „Parabellum Position“ MZ 108-04. 1998-1999 Von Peeter Pere (1957 geb.) Sperrholz 150 x 150 cm und gun-powder (Schießpulver). Hier wird auf Holz geschossen. “Make war . . .“ Relief und Farbspuren vom Brand und vielen kleinen und großen Löcher vom Einschuß. Auf der anderen Seite eine aktuellere Fotoarbeit von Herkki-Erich Merila und Arbo Tammiksaar, 2002 entstanden,Titel : Wel come toest onia.“ In einer Ausstellung „ Welcome (to) Europe!“ in Berlin, wo zur Zeit die Neuen zehn Länder ein Jahr lang vorgestellt werden, werden die Outsider der Gesellschaft des Baltikums vorgeführt, diejenigen, die die Vorzüge der EU-Gemeinschaft nicht genießen und ihre eigenen Wege des Überlebens suchen. Merila macht sich über die Touristik- Werbekampagnen seines Heimatlandes lustig, indem er Menschen mit Menschen wirbt, die nicht unbedingt vertrauenswürdig wirken. Die Modelle kommen aus der Heavy-Metal-Szene und unterscheiden sich nicht von Rechtsextremisten. Damit will er auf Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in den früheren sowjetischen Republiken hinweisen. Aber diese ironisierte Fassung weist auch entblößend auf die Außenseiter.  * Kunst als Alarmmelder!

In Estland entwickelte sich seit Anfang der 70er Jahre ein künstlerisches Phänomen, das einmalig ist. Geistiger Vordenker, praktischer Vermittler und Lehrer für die nächste Schülergeneration wurde Tönis Vint geb. 1942 in Tallinn).Ort war das Studio 22. Beeinflusst von den alten Kulturen und der Ästhetik des Fernen Ostens machten sich die Künstler daran, verschlüsselte Geheimbotschaften in Formen und Strukturen zu entschlüsseln, herauskam eine neue Sicht und Umsetzung auf und in geometrische Muster. Meist wurde die neue Ornamentik dem Umriss der quadratischen Fläche einverleibt. Das schwarze Quadrat ( 19147/15 von Malewitsch schwingt mit als Hintergrund.“ In ihm, dem Quadrat, sehe ich das, was die Menschen einstmals im Angesicht Gottes sahen… Zerschlagen ist die Sonne, es lebe die Dunkelheit.. unser Licht in uns…“( Malewitsch) Dieser russische Einfluß war spürbar mit, auch wenn sich die estnischen Künstler ( Este bleiben, Europäer werden ) mehr zur westlichen Kunst wie Mondrian  z. B. hingezogen fühlten. Sie bezogen sich auch auf alte Mythen und auf Mythologie, aber malen keine Monster als Ausgeburten der Phantasie sondern lösten mit Hilfe abstrakter , ornamentaler Bildmuster ihre schöpferischen Ambitionen und schufen im Grunde eine neue individuelle Mythologie mit ihren Bildzeichen. Man versuchte, die Systeme der Gebilde durch die Jahrtausende zu vergleichen und mit den eigenen Erfahrungen zu einer Bildsynthese zu bringen. Damit  selbst eine seinem Wesen entsprechende Formensprache finden. Da hilft beim Interpretieren Gombrichs Buch „Ornament und Kunst, Schmucktrieb und Ordnungssinn in der Psychologie des dekorativen Schaffens nur ganz allgemein weiter, wir müssen uns seine Arbeiten ansehen.

Zunächst der Meister: Tönis Vint

  • GS 93, 1990 43 x 43  Tusche, Gouache

Zwölf gleichlange rote Linien bzw. Geraden mit runden roten Enden zu beiden Seiten schweben paarweise durch den schwarzen Raum oder auf der schwarzen Fläche. Sie berühren sich nicht und halten unterschiedlichen Abstand. Ein Weg ist möglich. Zwei große Kreise mit rotem schmalen Ring und weißer feinkörniger Innenwelt teilen in einen oberen und unteren Bereich. Der untere Kreis hat einen roten Strich, wie „Zwölf Uhr mittags“ oder Mitternachts-Stunde der Geister, Zeit der Erde. Darüber Symbole für Gestirne, Sonne oder Mond?

Zwei Serigrafien auf schwarz: Dreiecke, Kreuze  Parallelogramme fallen sich auflösend in den offenen Raum; Treppen, Dreiecke Quadrate spielen Grundriß. lassen wir den Meister sprechen:“ Ein Teil des Lernprozesses ist eben das Schaffen einer dem Individuum eigenen Welt der Bilder. Hunderte kreis-und quadratförmige, geschlossene, aus einfachen Gebilden bestehende Kompositionen vervollständigen sich durch die bis jetzt im Unterbewusstsein versteckenden Bilder.“

Einige seiner Schüler:

Ene Kull geboren 1953 in Tartu

  • Goldener Ring 3 mal 43 x 43 Tusche, Gouache.

Sie sagt: “Es ist eine ständig fortdauernde Kette der Veränderungen und Transformationen. Die Transformationen sind unvermeidlich, wenn das Ziel das Erlangen zum Beherrschen der wahren Kunst ist. Das heißt, das sichtbar zu machen, was versteckt ist , und das unsichtbar und subtil, was sichtbar und bekannt ist. Das ist die Schaffung der Realität mit höchster Ordnung. Das ist gleichzeitig ein vollkommener Stillstand und eine vollkommene Bewegung.“ Zwei neue Dias! “Die Geheimnisse der Ewigkeit und Unendlichkeit zu finden. Die Widerspiegelung des kosmischen Ganzen zu finden, die Wiederspiegelung zur Realität zu verwandeln und darin zu lösen. Eine ständige und wiederholte Wiedererzeugung, auf immer höherer Ebene. Die Erschaffung einer Verbindung, die eine zeitlose Dimension hätte. Das Finden des Lichts in der Finsternis. Das ist der Flug von Ikarus der Sonne zu.“

Inga Aru geboren 1964

In  “Gefahren 1” von 1988 (Tusche und Graphit) und „Eden2“ von 1991 errichtet sie phantastische Gebäude mit Muster im Patchworkmanier, die sie symmetrisch zu Wachtürmen aufbaut und in stachligen Ringen und roten Antennen in Abewehrhaltung oder auf Signalaufnahme stellt. Der textile Eindruck in vornehm grau weinrot provoziert Folklore.

In „Eden“ gibt ein Rundbild eine Symbiose aus Garten, Gebäuden und Röhren bzw. Leitungen die zwischen Indutriellem und Organischem pendeln. Es wuchert, wächst, schlängelt und legt Eier. Quadrat wird Regal und Kasten mit durchlässigen Wänden. Eden sich selbst überlassen ohne Adam und Eva.

Urve Eslas  geboren 1972

Holt in „Ägypten 1“ und „Vier Haiku7“ ferne Welten mit ihren Zeichnsystemen ins Bild. In Ägypten – fast vertraut – bestückt sie in Sahara-gelb Tönungen mit Kreisen der Isis-Sonnen und Monde. Der Natur und die Insignien der Götterwelt scheinen durch, gliedern sich gegenseitig oder setzen weiße Segel. Dekor oder Schriftzeichen auf umrahmten Flächen oder abgebrochen wie auf gefundenen Scherben. Ein Ordnungssystem und Harmonie im Quadrat ägyptisiert.

Im Haiku sind auf eine linierte große Rasterung vielfältige Inseln in feinliniertem Untergrund oder grau-olive farbig oder gemustert mit grob umrissenen Umriss gelegt. Drei Ringformen mit gestaltetem Innenleben. Haikus sind japanische Gedichte, die in wenigen Zeilen Weltzustände kennzeichnen und übers Versmaß zur Harmonie bringen.

Raivo Haab geboren 1965

Er geht wiederum vom schwarzen Quadrat aus und arbeitet mit kräftigen Rot-Grün-Gelb seine Linien, Kreise und Quadrate, einmal  in zentriertem  Formenzwang, der aber über die Ränder hinausschießt und sich nicht geduldig zwingen lässt (Tjangku 1991). Wie ein Brettspiel mit Eckbastionen und großzügig umringenden Zirkelkreisen und Quadrat in rot wirkt „ Namsh“ von 1991, zwischen Gegenstand und Figur, zwischen Mühle und Buddha die Innenfigur.

Ganz anders Ingrid Järv geboren 1989

Sie zeigt Landschaftskarten für Licht 1 (1990) und „Land des Wassers“(1991). Mit feinen Binnenstrukturen werden Areale unterschiedlich markiert. Es sind Arbeiten mit Tusche. Ähnlich den Landkarten im Atlas, die über Vegetation und Bodenfunde informieren.
Den Kontrast licht/dunkel von klarkonzentriert und ablesbar harmonisch auf eingeengtem schwarzen Rund oder in quadratischer Breite geht Raina Johanson geboren 1961. In „Energiestruktur VI“ scheint  das Innenleben einer menschlichen Figur aus Farbenergie in geometrischen Formen abgebildet zu sein. Leonardos Mensch im Kreis mal anders. Der umzäunte Umriss oder Grundriss aus drei Ebenen mit verbindender Mitte in zarten Farben auf weißem Grund erinnert an Mondrains klare Strukturen.

Edel, sehr differenziert, nobel ausgespielter Harmonie ein Quadrat von Mae Kivilo geboren 1988. In der Farbgebung und Musterung an Entasienarbeiten oder steinerne Fußböden in Kirchen und Paläste italienischer Herkunft aus Renaissance und Barock erinnernd. Durch die Feinrasterung der Punktierung, die Verdichtungen und Aufhellungen zuläst, wirkt die Arbeit mit den Titel „ Tür“ 1991 aus Tusche, Gouache Aquarell sehr natürlich, wenn auch steinern. Ein Geb-äude aus drei Ansichtsebenen klappt sich wie ein Turm auf, auch von Kivilo. Sie spielt hier sehr raffiniert mit dem schwarzen Quadrat. (1991 Halgja Spiegel).

Kräftig in den Farbtopf greift Rainar Kurm geboren 1986. In seinen Arbeiten gibt es große Flächen in Gelb und Rot, die im Kleinteiligem ausgefranst Flippern. Tanken Sie Farbe auf. 60 x 60: Quadrat.

Ein Weiterströmen (1991) und Aktionen (kein Bild) zeigt Angela Orgusaar geboren 1967. Das Ineinandergreifen und Weiterleiten von Materie und wieder nicht Materie: Oben Rechts ein Kopf im Profil, Auge und Haar, Hinterkopf ein offenen blaues Fenster. Blau, grüne Scherben, Abfall sammeln sich am zerbrochenem Rohr, feinkörniges fällt, sammelt sich, in der Mitte wiederholen sich beide Formelemente. Ein Weiterströmen von Sichtbarem und Unsichtbarem. Ihr Zeichen: sie erhöht das Quadrat in der Höhe um drei Zentimeter.

Auch Jaak Saks geboren 1968 spielt in nicht ermüdender Variation das Quadrat durch, man kann es drehen und drehen – die Ansicht bleibt gleich. Nicht nur die Symmetrie bleibt erhalten, sondern eine phil-viel Harmonie scheint aufzuspielen.
Dagegen sitzt eine Figur in einem weiten Gehänge: Einem zerbrechlichen Prinzesschen gleich. Sie hält ein Harfe-ähnliches Instrument. In einem Glockenturm die Glocke? Oder nur eine Form? „Zeitnehmer“ 1991.

Zeichen der „Urwelt“ 1991 mit Kreuzstich in einer Kopfform. Filigran und indianscher Folklore nahe die „Vereinigung“ 1990 . Arbeiten von Kärt Summatavet- Randmaa.

Hier nun gleich im Titel Nasca I und III 1991 beide entstanden von Solveig Ülane geboren 1966

Stichwort: Altamerika-Estland

Die Kunst, die sich unumwunden als dekorativ gibt ist die Kunst, mit der man leben kann. (Kann man davon ausgehen, dass die Esten, da diese Form der Kunst so eine Resonanz fand, mit der Kunst leben?) Unter allen visuellen Künsten ist sie die, die uns Stimmung und Gefühl erzeugt. (liegt es daran , dass die Esten so ausgeglichen und selbstbewußt in Diskussionen wirken usw. ?) Farbe allein ohne die Last von Bedeutung und ohne an eine bestimmte Form gebunden zu sein kann zur Seele auf tausend verschiedene Arten sprechen. (Ein umfassendes alles- erfassendes Lebensgefühl der Esten?) Die Harmonie, die in den feinen  Verhältnissen von Linien und Maßen liegt spiegelt sich im Geist. Die Wiederholung von Mustern beruhigt uns.( Auch den Betrachter?) Die Wunder der Erfindungen beflügeln die Phantasie. Allein schon in den verwendeten Materials sind Grundstoffe der Kultur verborgen.( Wie wir sahen.) Und das ist noch nicht alles. Folgen wir den Gedanken von Oscar wilde: „ Durch die absichtliche Verneinung der Natur als Ideal der Schönheit und der nachahmenden Methode des gewöhnlichen Malers bereitet dekorative Kunst die Seele nicht nur zur Aufnahme wirklich bedeutender Werke vor, sondern entwickelt in ihr den Sinn für Form, der die Grundlage sowohl der schöpferischen wie der kritischen Leistung sind“ Oscar Wilde Essay „The artist as Critic „ in Gombrich s. 76

Gut . . . Sehen wir uns Arbeiten an, die außerhalb des Design Studios entstanden sind: Wie malen die Maler, noch?

Andres Tolts  geboren 1949

„ Schwarze Pyramide“ 1991 Acryl   und „ Himmel und Marmor I“seine Bildwelt ist geordnet in Oben und unten, in Himmel und Erde. Marmor ob als Pyramide oder als strukturierende Grundfläche aus der ein schwarzer Block, der durch den milimeterpapierenen ausgezackten Vorhanghimmel bis an die obere Bildgrenze stößt. Eine Hoffnungsform in Rot schwimmt auf versteinertem Meer. Ein auslaufender Himmel tropft herab. Die Erinnerung an Herman Nitschs Farbe und Blut tränende Himmel ist erlaubt. Zitat über Tolts:“ Es wäre leicht zu sagen, dass a. Tolts warnt, doch er warnt niemanden..Das interessiert ihn gar nicht. Was macht er dann eigentlich? A. Tolts lockt den Menschen näher zum Himmel und zur Zukunft.“ Vivi Luik.

Maria Kristiina Ulas geboren1965

Der Akt im lilablauen Farbenmeer hat den Titel “ Nachdenken“ 36x 40 cm Gouache und  J im rosa Wald „16 x 17 cm.
O-Ton von Ulas, fast Poesie: „Die Oberflächenfarbe auf der Fläche verschwindet in der Tiefe, steigt wieder, verschwindet und erhebt sich. Selbstständig, unwirklich, unbegrenzt, maßlos, unendlich, bodenlos, konkret und auseinanderfließend. Jede Farbe, Widerstand der Farben. Ein Strich- fortlaufend, ununterbrochen, unterbrochene Spirale im Raum wirbelnd, endlos zum visuellen Moment anhaltend, zu Gebilden abbrechend, Figuren konturierend, Netzwerke bildend, in Punkte zerfallend. Raum, Form Ebene, Tiefe, Räumlich oberflächlich. Eine stumme, vermehrende Widerspiegelung. Licht und Wasser. Oben, unten, mitten, vorne und Verkehrt. „ Maria- Kristina Ulas.

Anu Juurak geboren 1957 in Pärnu

“Blaues Schild” und “schwarzes Schild” ,beide 1991. Serigrapie Mischtechnik 140 x 60 cm. Ihr Mensch ist nicht personifiziert, keine psychologische Person, sondern ein Zeichen ein Schild. Dies in starker Farbigkeit.


Siim-Tanel Annus geboren 1960 in Talliin

Bei Ihm finden sich auch oder fast ausschließlich diese  Schildformen in seinen Bildern. Sie erinnern  auch an die äußere Form der Gedenktafeln , auf denen Moses die zehn Gebote übernahm. „Ich denke, ich vollführe eine Art sich fortsetzendes Ritual….Es gibt eigentlich keinen Anfang und kein richtiges Ende. Mit erscheint es wie ein immer währender Prozess, wobei ich sagen muss, dass für mich meistens der Prozess des Entstehens und Findens wichtiger ist als das Ergebnis. Meine Ideen und meine künstlerische Arbeit zu beschreiben, ist schwierig, da mir oft die eigentliche Bedeutung selbst nicht bewusst ist. Worte und Erklärungen materialisieren das Phänomen des Entstehungsprozesses und behindern die frei Entwicklung einer Idee. Je freier ich als Künstler sein kann, desto mehr kann meine Eingebu8ng mich führen, um die geheimen Mächte des unbekannten zu erforschen.“ Annus 1991 Übergangszeiten, Wartezeiten oder schlicht Warten können/kann künstlerisch extreme Formen annehmen, aber doch im Kanon bleiben.

Mit vielen Augen blickt es  aus einer zerrissenen teigigen surrealen Farbwelt. Körperaugen, Kopfaugen,  auch einäugig, Brillen. Hohle Äste oder Adern, die wie Strohhalme aus Tiefen- versteckt- Informationen ansaugen. Als “Wartezeit“ sind all diese Arbeiten von Arne Vasar (geb. 1949) betitelt, Quadrate 60 x 60. Es sind Aquarelle.

Dagegen zeigt Anna Gerrets (geboren 1959 )große Gesten auf einfarbigen Grund. Beide Arbeiten 1991 auch gleich groß, sehr groß: 165 x 320 cm
Links der aus dem Bild springende „Wirbel“, rechts auf rotem Grund die graue Eminenz am runden Tisch: Titel: Treffen.

„ Stalinistischer Ring“ 1989 und „Apotheose des Stalinismus“ 1990 von Leonard Lapin geboren 1947. Er ist Architekt und kam  Ende der 60er Jahre in die estnische Kunst. Er war einer der Anführer der von der Pop-art begeisterten Generation der Reformer. Er hat sich zwar mit der Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt, aber kam immer wieder zur Popart zurück hier zwei Arbeiten aus seinem nostalgischen Zyklus „Rythmus und Melodie“, eine Serie von Lithografien.

Radierungen von Maie Helm 1958 „ Standbild“ und „Die Erde nimmt ihn sich“. Sie sind sie selbst, die als künstlerische Form in den Dialog zu den Tieren in der Natur sich stellen ……. Agressivität als Stacheln nach außen oder umgekehrt Schutzschilde um ein zartes Inneres zu schützen. Märchen- und Fabelwelt heraufbeschwörend.

Die bei uns inflationär auftauchende Malerei der „Streifologen“, die unter dem Banner von Jasper Jones Amerika Fahne, oder Bernett Newmanns „Wer hat Angst vor rot gelb blau“, Scully Farbhorizontalen usf. hier ein estnisches Angebot von Raul Meel mit „ Drang nach dem Kupfer“ von 1990 ( um 100 cm) eine vertikale Lösung und auf der anderen Seite „Magie und Geist“ 1990. Er malt mit dem Besen. Der Zufall ist Gesetz. Mit anderen Worten „die Art Darstellung ist die Darstellung selbst.“

Kaido Oles Bildwelt, in der Ausstellung „The New Ten“, im Museum Küppersmühle Duisburg als Reihung, dann ein Einzelbild von 2000  (200 x 190 cm). Seine Strichmännchen irritieren. Auch wenn die großen grauen und schwarzen geometrischen Formen an den klassischen Konstruktivismus erinnern, sind sie aus Legosteinen mit überdimensioniertem Kopf und sche4inen in ihrem Geschichten Computerspiele ablaufen zu lassen. Gefängnis, Aquarium, Kreuzigung, gefährliche Balance-Akte integrieren  neutrale Klein- Männchen, die von einem Riesen-Großkopf  gefüttert, dirigiert oder? Sie sind austauschbar, schlüpfen in jede Rolle und sind unheimlich. Sie sind comic- Geschichten, aber auch indifferente Werkzeuge ohne Gesicht- „Erzeugnis medialer Gehirnwäsche und technologischen Fortschritts“ Heie Treier.

„Down the Stream“ Foto C-print 2003 von Peeter Maria Laurits/Ain Mäots und ein Foto, ein Videostill von Jaan Toomik. Das sind inszenierte Fotos. Auf ihren Bildern sieht man apokalyptische Szenen, die im Sommer 2003 in südestnischen Wäldern aufgenommen wurden. Die Natur hat sich gegen die Menschen aufgebäumt. Gezeigt wird die Ruhe nach dem Sturm. Sie offenbart die Opfer und dekoriert sie schönleibig am dahinplätschernden Bergbach. Ängste werden in Szene gesetzt. Auch bibliche Geschichten wie z.B. das Heilige Abendmahl ist am Ende: die Jünger sind auf und unter dem Tisch gefallen zwischen leeren Cocaflaschen und Frittenpaketen.Ökologische Katastrophen und existentielle Geschichten mit endlichem Ausgang. Wer nicht tot im himmlischen Frieden im Schoße der urigen Natur liegt kriegt sich auch nicht mehr ein. Ein Davonlaufen ist nicht mehr möglich. Endzeit!

Kastenwechsel:

Ist der Weg nach Europa, ein Kreuzweg, eine Reise nach Golgata? Oder nur durch Golgata  eine Lösung möglich? Eine Schaufenster-Installation der estnischen Künstlerin Inessa Josing. Sie feiert ein „Manifest des schlechten Geschmacks“. Auf die Frage warum sie Jesus auf dem Motorad und nicht auf dem Kamel nach Golgata schickt, antwortet sie: “Ich versuchte zu erklären, dass ich es nicht bin, die ihn zum Kreuz schickt. Er war schon da vor langer Zeit. Stattdessen wollte ich über das Geheimnis von Golgatha auf aktuelle Art sprechen. Ostern meint nicht nur Hasen und bemalte Eier. Darauf wurde mir gesagt dass ich verdorben bin (im Sinne des schlechten Geschmacks?) und sie versprachen für mich zu beten. Später betete ich für sie: Lieber Vater im Himmel! Oh gib wenigstens einigen von diesen Leuten ein klein bisschen schlechten Geschmack.“ Eva und Adele fanden sich als Kunstbesucher zum Schaufensterbummel in Tallin ein.  

„Was muß ich tun um gerettet zu werden“, fragt Josing in dieser Performance. Ihre Antwort: Eine Rokoko-Perücke aufsetzten, sich selbst ausstellen  und von der belle Epoque träumen oder das Schafott fürchten wie Marie Antoinette in der Französischen Revolution? Wo ist die so begeisternde singende Revolution der Esten wiederzufinden? Europamüde Europäer brauchen geeignete Europa Trainer um Vision zu erfinden, um sich für Europa zu beflügeln und wie die Singvögel wieder einen Frühling für Europas Zukunft einzutirilieren…
oder ist Selbstmord angesagt. Die Kunst liefert die Argumente: Ene-Liis Semper Estlands International anerkannte Künstlerin in ihrer Arbeit: the red line von 2002. Sie stürzt in den leeren Raum abwärts. Eine rote Linie im Bild bleibt als Bildzeichen an gleicher Stelle. Die rote Linie ist kein Seil zum Festhalten, sie ist Ästhetik, keine Rettung. (Erinnern Sie sich an den ungarischen Künstler Lazslo Feher und an sein Bild Balkon: da steht die Frau auf dem Balkon vor großem Abgrund, hier in Estland in den Video von Ene- Liis Semper springt sie ins Unbekannte. Die Fragilität des Lebens in der Einsamkeit, es scheint ein Thema in der estnischen Kunst heute zu sein, dort wo Realität und Halluzination verwischen wird durch eine kontemplative Sprache, sparsame Gesten flatterndes Licht und Schattenspiel erzählt. „ Ich will sterben, das macht Angst, ich will den Alptraum nochmal erleben.“ Ene Liis Semper

Die Fragen noch Identität ob Frau (wieder Ene Liis semper): sie gleich siebenmal, austauschbar und im Verschwinden eine nach der anderen ausgelöscht) oder Mann oder androgyne Wesen im Taucheranzug. Eine Arbeit des in Tallin lebenden Sergei Isupov . – Titel: „Männer“. Wenn alle Identitäten verschwinden. Was bleibt: nichts? Oder der Zeigefinger der Kunst weist auf Toleranz…

Grausamkeit und Unerträglichkeit der Existenz wird nicht mehr unterschwellig, sondern direkt und kämpferisch geäußert. Sie greift zu grotesken Bildern. Sie schreit, tanzt und trampelt wild im Häschen-Kostüm. Sie ist fröhlich. Ihr Lebensinhalt- ganz alltäglich und allgemein so sagt sie in voller Liebe – ist ihr Sohn und ihr Mann. Da erfährt sie dass er sie betrügt, innerhalb von zehn Sekunden ist sie tot.“ Ich spiele eine tragische Heldin, ich spiel, ich spiele, ich spiel…..“ sagt sie.

Eine ansteckende Fröhlichkeit in Person und in ihren Arbeiten ist Mare Tralla, eine „estonische Schönheit“. Sie scheint vor Witz, Vitalität, Begeisterung für Estland und deftiger Angriffslust auf alles was Männlich ist, zu zerbersten. Viele werden sich noch an sie in der Ausstellungsreihe „Junge Kunst international“ erinnern, 1998 war sie dabei.

„Körper ohne Sprache“ hieß diese Ausstellung estnischer Künstler. “Wie kommt die Stille in der Kunst vor? Sie existiert als Entscheidung – Im beispielhaften Selbstmord des Künstlers.“ E.L. Semper. Trifft sie damit das Geheimnis Europas, das Camus meint: „Das Geheimnis Europas ist, daß es das Leben nicht mehr liebt“?

Aktiv, lebensbejahend dagegen Carmen Cass, ein international gefragtes Modell aus Tallin. Sie arbeitet jetzt in der Politik in Estland: “Das werde ich solange tun, bis man in der Welt Estonia von Istanbul unterscheiden kann.“

Anu Tali eine estnische Dirigentin, sie leitet das estnisch-finnische Symphonieorchester: “Das Zeitalter der Diktatoren ist vorbei….“ sagt sie.

Auf einer Kugel, wohl Weltkugel aus estnischer Erde mit Reifrock, Gladiolen, Reisetasche und warmen Kniestrümpfen Rosa Permanente. Eine Ausstellung im Bilderhaus Bornemann. Estland blickt balancierend übers Meer in die Zukunft: Este bleiben – Europäer werden singt und spielt es den europäischen Lebensrhythmus wieder aufnehmend.

Das Licht geht aus, wir gehen nach Haus.
Das Licht geht an, wir bleiben dran.

Roswitha Siewert